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Die Tonkunst - Magazin für klassische Musik

Oktober 2017 - Nr. 4 - Jg. 11 (2017)

Als ob ein buntes Herbstblatt im Wind kleine, schnelle Pirouetten dreht, so hört es sich an, wenn "The Joy of Autumn" verklingt: Es ist eines der zehn New England Idyls op. 62 des amerikanischen Komponisten Edward MacDowell, die er in den Jahren 1901 und 1902 schrieb. Seine Werke bilden das Zentrum von Ulrich Roman Murtfelds neuer CD. Es ist bereits die zweite, die der Pianist ausschließlich mit weitgehend unbekannter amerikanischer Klaviermusik bestückt hat. Wie die erst (Audite, SACD 92.702, 2014), so ist auch diese wieder intelligent zusammengestellt und zeugt von der eingehenden Beschäftigung des Pianisten mit der Musik und ihren Schöpfern. Murtfeld spannt einen chronologischen Bogen von 1790 bis 1940.

Das älteste Stück ist die 1790 komponierte Sonata Nr. 1 in D-Dur Philadelphia von Alexander Reinagle (1756-1809), der erst mit dreißig Jahren aus England in die USA kam. Deutlich hört man den Einfluss italienischer und deutscher Zeitgenossen des Komponisten wie etwa Muzio Clementi und Carl Philip Emmanuel Bach, die auch in England wirkten. Es ist Musik aus der Anfangszeit des Pianofortes, vermutlich sogar die erste Sonate für Tasteninstrumente auf amerikanischem Boden. Bereits hier erweist sich die nicht ganz trockene Akustik des Aufnahmeortes, der Berliner Jesus-Christus-Kirche, als glücklich: Bei den folgenden Werken von Edward MacDowell passt sie noch besser.

MacDowells kurze Stüpcke aus größeren Zyklen wie die 1896 veröffentlichten Woodland Sketches op. 51 sind fast impresionistisch gefärbte Stimmungsbilder, die wie Gemälde wirken. Titel wie To a Wild Rose (Nr. 1) geben ein Programm vor, das, wenn es 'erzählerisch' interpretiert wird, für Spieler und Hörer gut nachvollziehbar ist, und zu den New England Idyls hat der Komponist sogar eigene Gedichte geschreiben. Es handelt sich um farbige Natureindrücke, die er in seinem Landhaus in New Hampshire sammelte. MacDowell wurde 1861 in New York geboren (wo er auch 1908 starb) und ging zum Musikstudium nach Europa. Dort hörte er in Paris Anton Rubinstein, traf Franz Liszt, der zu seinem Mentor wurde, und lernte in Frankfurt bei Joachim Raff. Doch schon mit Ende zwanzig kehrte er wieder in die Staaten zurück. Die hier versammelten Werke entstanden in einer späteren Schaffensperiode, während der er sich in sein Landhaus im südlichen New Hampshire zurückzog. In MacDowells Gesamtwerk nehmen die Klavierkompositionen eine herausragende Stellung ein, sogar zwei Klavierkonzerte sind dabei. Als Pianist spielte MacDowell seine Kompositionen auch selbst im Konzert.

Der Pianist Ulrich Murtfeld hat sich intensiv mit Werk und Leben des Komponisten und sogar den Entstehungsort dieser Stücke in den USA bereist. Dass er sich dort vor Ort, in den tiefen Wäldern, in die Musik hineingedacht hat, hört man seinen sensiblen Interpretationen an. So gut wie er die satten Farben des Herbstes und den unbarmherzigen Winter zeichnet, so schnell und präzise spielt er zwei Etüden MacDowells aus den 1894 entstandenen 'Virtuoso Etudes' op. 46 (Nr. 2 und 10). Auch bei George Antheils (1900-1959) kurzer Jazz Sonata aus dem Jahr 1922 ist Beweglichkeit gefragt: Auf kleinstem Raum sind hier Versatzstücke unterschiedlicher Stile aneinandergereiht, fast denkt man an einen Musikautomaten, der verrückt spielt - eine typische 1920er Jahre-Stimmung scheint hier eingefangen. Auch die vier kurzen Charakterstücke From my diary (1937-1940) von Roger Sessions (1895-1985) verlangen mit iherer sehr komplexen und kontrapunktisch gearbeiteten Tonsprache dem Pianisten einiges ab. Der Titel suggeriert persönliche Bekenntnisse des Komponisten, die Satzbezeichnungen allerdings verweisen auf traditionelle Formen. Ein wenig erinnert diese Musik mit ihrer hin und wieder auftretenden Bitonaltität und Perkussivität an Sergej Prokofjews Klavierwerke.

Sessions dürte in Deutschland den wenigsten bekannt sein; interessant ist, dass er der Lehrer von heute weltweit bekannten amerikanischen Komponisten wie Conlon Nancarrow (1912-1997), John Adams (*1947), Peter Maxwell Davies (1934-2016) und Frederic Rzewski (*1938) war. Der wohl bekannteste Komponist dieser CD ist Charles Edward Ives (1874-1954). Seine Werke werden auch in Europa häufig gespielt, die düstere Three-Page Sonata (1949) bislang allerdings eher selten. Das Autograph umfasst tatsächlich nur drei Seiten, obwohl das Stück mehr als sieben Minuten lang dauert und drei ineinanderübergehende kontrastierende Abschnitte durchläuft. Murtfeld führt den Hörer absolut stilsicher durch sein "American Recital". Er spielt schnell und präzise, warm und weich, kraftvoll und klangstark. Immer aber steht die Musik im Vordergrund, hinter der der Interpret zurücktritt.

Almut Ochsmann