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Frankfurter Allgemeine Zeitung

26.01.2015

Das Recht nicht beeinflusst zu werden
Synkopen statt Basalte: Die amerikanische Klaviermusik hat viele Väter


von Gerhard R. Koch

Gar mancher ging in die Vereinigten Staaten von Amerika, um zu zeigen, wie perfekt profitabel "the famous German efficiency" und die angeblich dort typische Direktheit und Robustheit zueinander passen - um dann später festzustellen, welch immense Rolle auch Traditionen und Konventionen spielen. Die amerikanische Geistesgeschichte mag nur bis ins siebzehnte Jahrhundert zurückreichen. Doch bereits Goethe, Garant des Überzeitlichen, sah dies mit anderen Augen: "Amerika, du hast es besser / Als unser Kontinent, das alte, / Hast keine verfallene Schlösser / Und keine Basalte. / Zu lebendiger Zeit, / Unnützes Erinnern / Und vergeblicher Streit." Von hier ist der Weg nicht allzu weit zu John Cages Motto "Jeder sollte das Recht haben, so wenig wie möglich beeinflusst zu sein."
Spricht man über amerikanische Musik, so tut man gut daran, diese als Kräftegeschiebe verschiedenartigster Einflüsse, autochthoner wie europäischer, zu begreifen. Charakteristiisch für sie wäre demnach gerade die Stil-Mikxtur, das Bewusstsein, dass das Ideal von "Reinheit" höchst relativ ist - und dass die kolonialen Anfänge in Erinnerung bleiben, die europäischen wie auch die afrikanischen Ursprünge. So nennt, beispielsweise, einer der ersten prominenten Klavierkomponisten der Neuen Welt, Edward Macdowell, eines seiner "Seapictures" beziehungsreich "A.D. 1620", sich verneigend vor dem Gründungsmythos der "Pilgrim Fathers". Stehen diese Stücke noch ganz in der Mendelssohn-Schumann-Traditiion der Alten welt, so wird dann bei Scott Joplin der Ragtime zu einer eigenen Kunstgattung. Das Klavier verwandelt sich in eine Instrument für den Western-Saloon oder das New-Orleans-Etablissement, die achtundachtzig schwarz-weißen Tasten werden zum Schlüssel für neue Musikentwicklungen.

Wie viele Gesichter die amerikanische Klaviermusik sich seither zugelegt hat, das zeigt dieses neue Album von Ulrich Roman Murtfeld. Sein Programm durchmisst den Zeitraum von 1856 bis 1981, darf also mit Fug und Recht als ein Querschnitt gelten. Evident wird dabei, dass es eine wie auch immer einheitliche Entwicklung nicht gegeben hat. Selbst die Werke des womöglich ersten genuin amerikanischen Komponisten, Louis Moreau Gottschalk, sind stilistisch zwittrig. Sie changieren zwischen empfindsamem Salon-Touch, Lisztscher Paraphrasen-Equilibristik und rasanten Adaptionen kreolischer Folklore. Exotische Folklore und exzessive, auch spieltechnisch unkonventionelle Virtuosität ergeben genau die Mischung, die Moreau in Amerika wie Europa gleichermaßen Furore machen ließ. Dies darzustellen bedarf erheblicher pianistischer Suggestion, die Murtfeld durchaus mit einbringt. Kann man Gottschalk als zugespitzte Synthese von Macdowell und Joplin verstehen, so sind dagegen George Gershwins "Three Preludes" aus dem Jahr 1926 bei aller Differnziertheit in Rhythmik und Blue-Note-Melos unverwechselbar typisch für den Komponisten.

Das Schwergewicht der Kollektion ist Samuel Barbers es-Moll-Sonate op. 26, 1949 durch Vladimir Horowitz in Havanna uraufgeführt, 1950 in Carnegie Hall gespielt und aufgenommen: eine legendäre Platteneinspielung, die virtuos erregend wirkte und viele junge Pianisten zur Nachahmung ermunterte. Sie ist teuflisch schwer, verbindet Prokofjew-Härte mit Skrjabin-Elevation, lässt im Kopfsatz das Scherzo von Beethovens op. 101 anklingen - und fusioniert im Finale furchteinflößend Fuge und Jazz-Synkopik. Murtfeld zeitg sich all diesen Herausforderungen ohne weiteres gewachsen. In die Gegenwart führen ihn dann zwei nicht minder extravagante Werke: Philip Glass' "Opening Piece" aus "Glass Works" (1981) und Frederic Rzewskis "Piano Piece No. 4" (1977). Mit ihren monotenen Akkordbrechungs-Ondulationen, die ohne wabernd-rituellen Überbau betörend, nicht jedoch narkotisierend tönen, steht die Komposition von Glass exemplarisch für seine Version der "minimal music". Dagegen bringt Rzewskis Klavierstück frenetische Repetitionen und ein chilenisches Kampflied zur Symbiose, es verbindet transzendentale Virtuosität mit politischer Initiative und erinnert so an seine berühmten sechsunddreißig Variationenen über "The People United Will Never Be Defeated".

Murtfelds Projekt überzeugt durch pianistische Ausführung wie auch durch die Auswahl der Stücke. Gleichwohl präsentiert dieses Album vorerst nur eine Seite amerikanischer Klaviermusik. Die großen Pioniere Charles Ives und Henry Cowell, aber auch John Cage und seine Gefährten Morton Feldman, Christian Wolff und Earle Brown, nicht minder der andere, eigensinnigere, womöglich wichtigere Minimalist Steve Reich oder auch der Solität Elliot Carter wären entschieden eine Fortsetzung wert.