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Interview

Interview der Musikwissenschaftlerin Doris Kösterke mit
Ulrich Roman Murtfeld


Friedrichshafen, 26.7.2012


DK: Wann hast du mit dem Klavierspiel begonnen?

URM: Ich habe mit sieben Jahren angefangen, und Geige mit zehn.

DK: Und was hat dich am Klavier gereizt? Der Vorteil des Klaviers gegenüber der Geige ist ja, dass man leichter mehrere Dimensionen zur gleichen Zeit darstellen kann als auf der Geige.

URM: Zum einen muss ich sagen, dass ich Geige als Instrument unglaublich mag. Es ist nicht so, dass ich das Klavier mehr schätze als die Geige. Und ich habe auch sehr gerne Geige gespielt. Ich machte auch gute Fortschritte. Ich hab nur immer wesentlich mehr Klavier geübt und immer viel zu wenig Geige. Und dann war es einfach so, dass ich mit dem Klavier eben schon viel früher begonnen hatte und vom Können schon so viel weiter war.
Was mich reizt am Klavier ist natürlich der spezifische Klang, aber auch einfach das Musizieren und das enorme, eigentlich grenzenlose Repertoire, das einem zur Verfügung steht.

DK: Wie ich das so sehe, ist das eine Besonderheit von Dir: Andere Leute, die spielen ein Leben lang eine Handvoll Stücke, die sie perfektionieren. Und du gräbst darüber hinaus auch gerne Randwerke aus.

URM [lacht]: Ja, das stimmt vielleicht, das ist richtig!

DK: Bei dir scheint mir wirklich diese Neugier und dieses Ausgraben als etwas ganz Besonderes an Dir.
Aber ist es – gleichsam betriebswirtschaftlich argumentiert – nicht viel Arbeit für wenig, das rauskommt, wenn man sich in so viele Stücke hineinfräst, um sie vielleicht ein- oder zweimal zu spielen und dann vorerst nicht mehr?

URM: Also ich finde, es hängt davon ab, von welchem Gesichtspunkt aus man das betrachtet. Zunächst einmal öffnet man sich ja für diese selten gespielten Stücke, die einen reizen und die man spielen will. Das ist auch eine große Freude. Seltene Werke zu spielen ist eigentlich auch eine Freiheit, die man sich nimmt. Ich habe selbst immer auch eine große Freude gerade beim Einstudieren dieser Stücke. Gerade, wenn man etwas neu beginnt, ist es einfach spannend, wie sich ein Werk beim Einstudieren so nach und nach entwickelt. Manchmal ist es durchaus spannender, erst herauszufinden, wie etwas klingen soll, als wenn man ein Werk schon kennt. Gerade bei Neuer Musik, wenn es noch keine Aufnahmen gibt.
Die Programme mit seltenen Werken machen sicher viel Arbeit, aber ich würde nicht sagen, dass dann wenig dabei herauskommt. Im Gegenteil gewinnt man ja gerade durch das „Exotische“. Gerade heutzutage mit den vielen fähigen Pianisten ist es ja durchaus so, dass es von bestimmten Werken einfach schon zu viele Aufnahmen gibt, dass sie zu oft gespielt werden. Da entsteht doch ein Bedürfnis nach Abwechslung.

DK: Du hast ja auch viele Uraufführungen gemacht, nicht wahr?

URM: „Viele“ würde ich jetzt nicht sagen, aber einige, ja.
Von Komponisten wie beispielsweise Art-Oliver Simon, Stephen Beville, Marko Zdralek, in Südamerika von dem vor wenigen Jahren leider verstorbenen brasilianischen Komponisten Almeida Prado. Gerade auch bei solchen noch nicht aufgeführten Werken ist einfach spannend, das Stück nach und nach zu erobern.

DK: Erobern? Das klingt jetzt aber sehr kriegerisch!

URM: Ja? [beide lachen] – Aber dieses Erlebnis hat man bei den seltener gespielten oder noch nicht aufgeführten Werken vielleicht noch einmal in einer anderen Form als bei den gängigen Stücken. Gerade darin empfinde ich einen gewissen Ausgleich dafür, dass man tatsächlich sehr viel Arbeit hat, wenn man immer wieder neue, manchmal auch sehr schwere Stücke einstudieren muss. Aber ich denke da gar nicht so viel drüber nach. Es ist auch die Frage, wie es sich ergibt, dass man zum Beispiel eine Uraufführung spielen soll. Bislang war es eher nicht so, dass ich das wirklich selbst initiiert hätte. Es ergibt sich meistens irgendwie die Gelegenheit und dann sage ich nicht nein.

DK Alfred Stenger erzählte einmal, dass du einmal ein Stück von ihm uraufgeführt hättest und dich mit sehr viel Liebe hineingekniet hättest.

URM: Ja -. Das war eine Aufführung im Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt/Main, eine Ausbildungsstätte, die ich selbst als Jugendlicher mehrere Jahre besuchte.

DK: Also die Komponisten wissen, dass da jemand Spaß daran hat, sich in etwas hineinzufuchsen und fragen dich.

URM: Das ist sicher so, aber manchmal läuft es auch über den Veranstalter. Zum Beispiel bei dem Young Euro Classic Festival in Berlin gibt es meines Wissens immer eine Uraufführung in jedem Konzert. Bei meinem dortigen Klavierabend spielte ich die Uraufführung von „Auch ich ein Davidsbündler“ von Marko Zdralek.

DK: Ich erinnere mich gut an dein Frankfurter Konzert mit überwiegend unbekannten Werken von amerikanischen Komponisten. Wie kam es dazu?

URM: Also ich bin Mitglied in der Steuben-Schurz-Gesellschaft und es war zumindest schon drei Jahre im Gespräch, dass ich einmal ein Konzert für die Steuben-Schurz-Gesellschaft spiele. Die SSG ist eine sehr alte und traditionsreiche deutsch-amerikanische Freundschaftsorganisation. Es lag nahe, sich in besonderen Maße US amerikanischen Komponisten zu widmen.

DK: … und Du hast schon vor drei Jahren angefangen, Dir die Stücke herauszusuchen?

URM: Nein, erst etwa ein halbes Jahr vorher habe ich mir das Programm im Detail überlegt, wie ich es dann gespielt habe. Aber die Werke begleiten mich schon sehr viel länger. Zum Beispiel das Piano Piece No.4 von Frederic Rzewski habe ich vor vielen Jahren einmal in München gehört. Das hat damals ein Klavierstudent aus Freiburg gespielt. Und es hat mich damals sehr beeindruckt. Ich habe mir die Noten geben lassen und hatte sie immer schon im Regal stehen. Es schlummerte immer in mir, dieses Stück einmal zu spielen. Und Samuel Barber wiederum ist einfach ein Komponist, der mich ganz besonders reizt. Ich hatte vorher nie etwas von ihm in einem Klavierabend gespielt. Ich war allerdings früher schon einmal mit seinen Liedern in Berührung gekommen, die ich begleitete und die ich damals auch sehr schön fand. Noch früher spielte ich mehrfach als Geiger im Schulorchester in Andover/USA sein berühmtes Adagio for Strings. Sich einmal der Klaviersonate von Barber zu stellen, das hatte ich durchaus schon länger im Hinterkopf. Die Konzerteinladung mit amerikanischen Komponisten war dafür nun wirklich der richtige Anlass. Die Einstudierung war sehr anstrengend. Sowohl von Barber als auch von Rzewski.
Die Schwierigkeiten bei Barber erinnerten mich durchaus an Ligeti. Bis das mal in den Fingern ist! Die Barber-Textur ist sehr sperrig komponiert. Die Melodien haben so eigenartige Intervallschritte und Sprünge, die erst nach längerer Zeit des Übens wirklich „sitzen“.

DK: Ich hatte beim ersten Stück den Eindruck, dass das sehr schwer war, das Stück mit diesen Tentakeln –

URM: Du meinst Louis Moreau Gottschalk! Das Werk Ricordati. Gottschalk war ja selbst einer der berühmtesten Pianisten seiner Zeit. Beim Studieren seiner Partituren, die viele detaillierten Anweisungen an den Interpreten enthalten, kann man sich gut vorstellen, welche fantastischen Fähigkeiten er als Pianist besessen haben muss. Und wie er sein Publikum verzaubert hat. Seine Kompositionen sind auch musikhistorisch sehr interessant, meine ich.
(…)